Das INCOSE Systems Engineering Competency Framework – Warum es für Dich als Projekt- oder Produktverantwortlicher so wichtig ist

Wenn Du in der technischen Entwicklung arbeitest, kennst Du die Herausforderung: Systeme werden komplexer, Teams interdisziplinärer und die Anforderungen vielfältiger. Gleichzeitig steigt der Anspruch, Projekte planbar, robust und nachweisbar beherrschbar zu machen. Genau hier setzt das INCOSE Systems Engineering Competency Framework an – ein strukturiertes Modell, das beschreibt, welche Kompetenzen eine Systems Engineerin oder ein Systems Engineer wirklich braucht, um diese wachsende Komplexität zu meistern.

Kompetenz vs. Kompetenz – ein kurzer Blick auf die Begriffswelt

Das Framework unterscheidet sauber zwischen zwei Begriffen, die im Alltag gern vermischt werden, allerdings im Englischen besser getrennt werden können:

  • Competency beschreibt einzelne Fähigkeiten und Verhaltensweisen – also die Bausteine dessen, was jemand in einer Rolle braucht.
  • Competence bezeichnet das nachweisbare Ergebnis: die Fähigkeit, eine Aufgabe tatsächlich wirksam auszuführen.

Damit macht INCOSE klar: Wissen allein reicht nicht. Erst wenn jemand sein Wissen, seine Fähigkeiten und sein Verhalten in realen Projektsituationen demonstriert, entsteht echte Kompetenz.

Für Dich bedeutet das: Rollen werden klarer, Entwicklungswege transparenter und Teammitglieder können gezielt aufgebaut werden.

Das INCOSE Competency Framework gibt es hier als Download:

5 Beispiele für Lastenhefte, die wirklich geholfen haben
Vorlagen aus der Praxis

Warum ein Competency Framework für Systems Engineering?

Das INCOSE-Framework beschreibt strukturiert, welche Fähigkeiten Systems Engineers entlang des gesamten Lebenszyklus brauchen – unabhängig von Tools, Organisationen oder Branchen. Die Idee dahinter:

  • komplexe Projekte planbarer machen,
  • Rollen und Verantwortlichkeiten klar definieren,
  • und Weiterentwicklung sichtbar und messbar gestalten.

Wichtig: Das Framework trennt bewusst zwischen generischen SE-Kompetenzen und domänenspezifischem Wissen. Denn ein Automotive-Projekt stellt völlig andere normative und sicherheitstechnische Anforderungen als z. B. Medizintechnik oder Maschinenbau.

Wenn Du Teams leitest, hilft Dir dieses Modell also dabei, systematische Kompetenzentwicklung mit dem Projektrisiko zu verknüpfen.

Die fünf Kompetenzfelder des Frameworks

INCOSE fasst alle relevanten Fähigkeiten in fünf Themenbereiche zusammen:

1. Kernkompetenzen

Das Fundament für Systems Engineering, u. a.:

  • Systemdenken
  • Verständnis über Lebenszyklen
  • Fähigkeitsentwicklung
  • Allgemeine Ingenieurswesen
  • Kritisches Denken
  • Systemmodellierung und -analyse

Hier geht es um das „System im Ganzen“ – ein wichtiger Punkt für alle, die Funktionsketten, Schnittstellen oder Plattformarchitekturen verantworten.

2. Professionelle Kompetenzen

Die persönlichen und sozialen Fähigkeiten, die in komplexen Projekten den Unterschied machen:

  • Kommunikation
  • Verhandlung
  • Teamdynamiken
  • Emotionale Intelligenz
  • Ethik und Professionalität
  • Coaching & Mentoring

Gerade in Entwicklungsorganisationen, die mehrere Disziplinen integrieren müssen, sind diese Fähigkeiten erfolgskritisch.

3. Management-Kompetenzen

Alles, was Du brauchst, um SE-Aktivitäten zu steuern:

  • Planung
  • Überwachung und Steuerung
  • Entscheidungsmanagement
  • Informationsmanagement
  • Einbindung in Geschäfts- und Organisationsumgebungen

Hier zeigt sich der enge Schulterschluss zwischen Systems Engineering und Projektmanagement.

4. Technische Kompetenzen

Das Herzstück der SE-Prozesse – und das, worauf sich viele Ingenieure zuerst konzentrieren:

  • Anforderungsdefinition
  • System-Architektur
  • Gestaltung unter Berücksichtigung spezieller Aspekte (Design for …)
  • Integration
  • Verifikation & Validierung
  • Übergabe, Betrieb und Wartung
  • Außerbetriebnahme

Diese Kompetenzen bilden den Kern jedes technischen Entwicklungsprojekts – vom Anforderungsmanagement bis zur Außerbetriebnahme.

5. Querschnittliche Kompetenzen

Kompetenzen, die Brücken schlagen – z. B. zu Qualität, Logistik oder den Finanzen.
Systems Engineering ist per Definition ein integrativer Ansatz. Dieses Cluster zeigt genau das.

Was bedeutet das für Dich in der Praxis?

Mit diesem Framework kannst Du:

  • Rollen in Deinem Team klar beschreiben, statt vager Stellenprofile.
  • Kompetenzlücken früh erkennen, bevor sie im Projekt teuer werden.
  • Weiterbildungsprogramme strukturiert planen, statt auf Zufall zu setzen.
  • Nachweisbare Kompetenzentwicklung schaffen, z. B. im Rahmen von Karrierepfaden oder Zertifizierungsprogrammen.

Und: INCOSE liefert mit dem Systems Engineering Competency Assessment Guide (SECAG) eine strukturierte Methode, um diese Kompetenzen auch wirklich zu prüfen – ähnlich einem „V&V-Konzept“ für Menschen.

Wie INCOSE Kompetenz messbar macht: Die Kompetenzstufen

Ein entscheidender Mehrwert des INCOSE-Frameworks liegt nicht nur in der Definition welcher Kompetenzen benötigt werden, sondern auch darin, wie tief diese Kompetenzen ausgeprägt sein müssen. Dafür definiert INCOSE fünf Kompetenzstufen, die Dir eine sehr klare Struktur für Karrierepfade, Rollenbeschreibungen und Assessments liefern.

1. Bewusstsein – erste Orientierung

Auf dieser Stufe versteht eine Person grundlegende Konzepte, Zusammenhänge und Fragestellungen einer Kompetenz.
Sie kann relevante Fragen stellen, benötigt jedoch Anleitung.
Typisch für:

  • Neue Kolleg:innen,

  • Personen aus angrenzenden Rollen (z. B. Projektmanagement, Konstruktion), die SE verstehen möchten.

2. Angeleiteter Anwender – Arbeiten unter Anleitung

Hier besitzt die Person bereits ein solides Verständnis und teilweise auch erste Erfahrung, arbeitet jedoch unter regelmäßiger Anleitung.
Dieser Level deckt zwei Gruppen ab:

  • Neue Systems Engineers, die sich in das Themenfeld hineinentwickeln,

  • Rückkehrer, die zwar schon einmal auf höherem Niveau gearbeitet haben, die Kompetenzen aber längere Zeit nicht genutzt haben.

3. Anwender – Selbstständiges Arbeiten

Der „operativ tragende Level“ vieler Entwicklungsorganisationen:
Die Person:

  • arbeitet selbstständig im Tagesgeschäft,

  • versteht Methoden und Prozesse,

  • kann weniger erfahrene Kolleg:innen anleiten.

Für Dich als Projekt- oder Produktverantwortliche:r ist das häufig der Level, den Du im Team standardmäßig benötigst, um Arbeitspakete zuverlässig abgeben zu können.

4. Leitender Anwender – interne Expert:innen

Wer diesen Level erreicht, gilt intern als „go-to“-Person.
Typisch für erfahrene Systems Engineers, die:

  • unklare Situationen klären,

  • Best Practices im Unternehmen definieren,

  • und komplexe oder neuartige Problemlagen beherrschen.

Diese Rolle ist besonders im Maschinenbau wertvoll, wenn neue Plattformen, Variantenräume oder mechatronische Integrationsaufgaben entstehen.

5. Experte – externe Sichtbarkeit und Standardsetzung

Die höchste Stufe beschreibt Personen, die:

  • regional oder international Best Practices mitgestalten,

  • Standards definieren oder weiterentwickeln,

  • und in der Community (INCOSE, Normungsgremien, Industrieverbände) sichtbar sind.

Experten setzen Maßstäbe – und sie prägen oft die Methodenkompetenz eines ganzen Unternehmens.

Zusätzliche Bewertungsstufen: Nicht bekannt, nicht zutreffend, nicht bewertet

Das Framework berücksichtigt in Assessments weitere Zustände:

  • nicht bekannt: Die Person erfüllt noch nicht einmal die Awareness-Kriterien.

  • nicht zutreffend: Die Kompetenz wird für die jeweilige Rolle nicht benötigt.

  • nicht bewertet: Die Kompetenz wurde im Assessment nicht betrachtet.

Diese Klarheit verhindert Missverständnisse in Skill-Matrizen oder Mitarbeitergesprächen und sorgt dafür, dass Kompetenzprofile realistisch und fair bewertet werden.

Warum die Kompetenzstufen für Dich in der Praxis wertvoll sind

Für Entwicklungsorganisationen – insbesondere im Maschinenbau und der Automation – schaffen die fünf Levels eine enorme Transparenz:

  • Du kannst Rollenprofile sauber definieren (z. B. „Systemarchitekt = Leitender Anwender in SA, Anwender in RD“).

  • Du erkennst Lücken im Team frühzeitig, bevor sie zu Projektverzögerungen führen.

  • Du kannst Weiterbildungsmaßnahmen gezielt ableiten, statt unsystematisch Schulungen einzukaufen.

  • Du kannst Karrierepfade entwickeln, die technisch ausgerichtete Laufbahnen stärken.

Damit wird Kompetenzentwicklung von einem „Nice-to-have“ zu einem planbaren Managementinstrument.

Sprachliche Standardisierung: Warum sie so wichtig ist

INCOSE definiert für das gesamte Framework eine konsistente Begriffswelt.
Das bedeutet:
Wenn in einem Kompetenzindikator steht „beschreibt…“, „identifiziert…“ oder „bewertet…“, dann ist die Bedeutung klar definiert.

Für Dich und Deine Organisation heißt das:

  • weniger Interpretationsspielraum,

  • bessere Vergleichbarkeit zwischen Teams,

  • einheitliches Verständnis bei Assessments.

Das klingt trivial, ist in der Praxis allerdings ein entscheidender Hebel, um methodisch sauber zu arbeiten und Nachwuchskräfte konsistent zu entwickeln.

Fazit: Ein Framework, das Struktur in die technische Entwicklung bringt

Das INCOSE Systems Engineering Competency Framework liefert Dir weit mehr als eine Sammlung von Fähigkeiten.
Es bietet Dir:

  • eine gemeinsame Sprache,

  • ein strukturiertes Verständnis technischer Rollen,

  • eine klare Definition, wie Kompetenz wächst,

  • und ein messbares Modell für Kompetenzentwicklung über den gesamten Systemlebenszyklus.

Gerade im Maschinenbau und der Industrieautomation, wo Mechanik, Elektronik und Software zunehmend verschmelzen, unterstützt Dich das Framework dabei, Teams zu professionalisieren, Risiken zu reduzieren und die Leistungsfähigkeit der Organisation nachhaltig zu stärken.

Kurz gesagt:
Es macht Systems Engineering beherrschbar – und damit Deine Projekte erfolgreicher.